STRUKTUREN

Im Folgenden eine kurze Übersicht über verbreitete Techniken wie beim Brettchenweben Muster/Strukturen erzeugt werden. Tiefer gehende Anleitungen und Infos dazu findet man im Internet und natürlich bei den von mir angeführten Buchautoren. Noch einmal ist zu erwähnen, dass es keine einheitliche Nomenklatur für das Erzeugen bestimmter Strukturen beim Arbeiten mit Brettchen gibt.


# EINFACHE UND KOMPLEXE SCHNURBINDUNG


Synonyme: Einzugsmuster, engl. „threaded in pattern“

Mit dieser Technik wird entweder über die gesamte Länge eines Bandes eine Drehrichtung beibehalten, oder es wird in zyklischen Schritten (wie z.B. 4 x vor und 4 x zurück) vorgegangen. Dabei werden bei der einfachen Schnurbindung entweder alle Webbrettchen immer zusammen gedreht, oder wie bei der komplexen Schnurbindung Gruppen von Päckchen gebildet die in unterschiedliche Richtungen gedreht werden.

Das gewünschte Muster wird bereits mit einer festgelegten Abfolge der Kettfäden beim Einzug festgelegt.

Nebeneffekt: Es ist natürlich möglich mit dem identen Einzug aber anderer Drehsequenzen eine Vielzahl an neuen Muster zu erhalten !

Es werden meist sehr bunte gemusterte Bänder auf diese Art hergestellt. Interessanterweise ist diese Art zu weben historisch vor dem 19. Jhdt nicht greifbar. Eines der klassischen Muster dieses Typus ist das von Teppichen übernommene Muster des laufenden Hundes aus Anatolien.

Muster mit einfacher und komplexer Schnurbindung

Diese Muster sind auch für den Anfänger rasch beherrschbar und bieten viel kreativen Freiraum!

 


 # STRUKTURGEWEBE MIT EINFACHER SCHNURBINDUNG


# ÜBERHOBENE WEBBRETTCHEN

Bei dieser Variante werden einzelne Webbrettchen während des Webens umgruppiert, indem sie über benachbarte Brettchen gehoben werden. Beim gezeigten Band wandern periodisch immer die zwei außen liegenden Brettchen nach innen. Auf dem ansonsten glatten Grundgewebe ensteht auf der Oberfläche eine Erhebung die einen plastischen Effekt hervorruft. Interessant ist auch, wie sich dieser Effekt auf die Rückseite des Bandes auswirkt.

„überhobene“ Brettchen

 

 

# „SAMT“ BRETTCHENGEWEBE

Bei diesem Gewebe werden in ein einfaches Schnurbindungsmuster Zusatzschüsse aus einem anderen Material (Wolle, Seide) eingefügt. Der Zusatzschuss bildet an der Oberfläche Schlaufen, die aufgeschnitten auch zu einem Flor (Samt) gearbeitet werden können. Bänder dazu stammen z.B. aus Usbekistan.

 

# DREHRICHTUNGSMUSTER

Bei dieser Spielart ensteht eine Art dreidimensionale Struktur mit vertieften und erhabenen Flächen. Das Muster entsteht nur durch versetzte kontinuierliche Änderung der Drehrichtung.

 


# MUSTER MIT HELL/DUNKEL EFFEKT 


# DOPPELSEITIGES WEBEN

Synonyme: engl. „double face“

Die Muster entstehen bei dieser Struktur farbverkehrt auf beiden Seiten des Bandes. Der Einzug ist bei allen Brettchen des Musterteiles ident (alle S oder Z oder alternierend S/Z), jeweils zwei nebeneinander liegende die Löcher werden meist mit heller bzw. dunkler Farbe bezogen.

Häufig werden, wie im folgenden Beispiel gezeigt, auch gemischte hell/dunkel Kombinationen verwendet. Werden die Brettchen alle nur in eine Richtung gedreht erhält man helle und dunkle Querstreifen. Einfarbige Flächen werden durch Drehen aller Brettchen zwei Mal vor und zwei Mal zurück erzeugt.

Band mit typischen Mustern aus Tibet

 

# DIAGONALMUSTER MIT HELL/DUNKEL EFFEKT

Synonyme: Ägyptische Diagonalen, Finnische Diagonalen, Kivrim

Bei dieser Struktur werden üblicherweise in einem Vierlochbrettchen immer zwei Löcher nebeneinander mit den gleichen Farben bezogen (meist zwei  kontrastierende Farben). Um damit Diagonalen zu erzeugen müssen aber die Farben z.B. immer um eine Position versetzt eingezogen werden. Damit entstehen die Diagonalen bereits beim einfachen Vorwärts- oder Rückwärtsdrehen der Brettchen.

Durch individuelles Drehen einzelner Brettchen/Päckchen kann der Verlauf der Diagonalen während des Webens geändert werden und damit Rautenmuster, Schlangenlinien, Mäander, Zacken usw. erzeugt werden. Es ist natürlich auch möglich das Verhältnis der Kettfäden hell/dunkel von 2/2 auf 3/1, oder auch auf mehrfärbig 2/1/1 zu ändern. Damit ergeben sich z.B. feinere Linien oder durch die zusätzliche Farbe mehr Gestaltungsspielraum beim Muster. Auch ein gemischter Einzug mit Gruppen verschiedener Hell/Dunkel Kombinationen ist möglich.

Klassiches Diagonalmuster mit zwei Farben, Muster zwei Fäden breit (2/2)

 

Diagonalmuster mit drei Farben (2/1/1) und gemischtem Einzug

Bei der  Variante 3/1 wird häufig ein rautenförmiges Basimuster zu Grunde gelegt, aus dem heraus sich dann Mäander und andere Formen entwickeln.

Diagonalmuster mit nur einem Musterfaden (3/1)

 

# DIAGONALSTRUKTURMUSTER MIT HELL/DUNKEL EFFEKT 

Synonyme: „Köper“, engl. 3/1 broken twill

Obwohl die gebildete Struktur nichts mit einer Köperbindung beim Weben gemein hat, wird gerne der Begriff „Köperbindung“ verwendet. Es entstehen auf Grund des zyklisch sich wiederholenden Einzuges und der verwendeten Drehsequenz bei einfarbigen Flächen schmale Diagonalen im Band, die eine Ähnlichkeit mit einem echten Köpergewebe ergeben. Es gibt dazu auch eine Variante mit drei Farben.

Das folgende mehrfarbene Bändchen zeigt die typischen Diagonalen die sich bei einfarbigen Flächen bilden.

Ein zweifarbiges Band mit Diagonalstrukturmuster und typischen orientalischem Randmuster:

Kameltragegurt aus dem Iran

 


 # MUSTER MIT AUSGELASSENEM EINZUG


Bei diesen Strukturen ist der Einzug S/Z wahlfrei, ein oder mehrere Löcher eines 4-Loch Brettchens werden dabei nicht geschärt. Der Einzug erfolgt dabei wie schon beim Diagonalstrukturmuster zyklisch. Meist werden zwei Farben verwendet.

Synonyme: Lochmuster, engl. „missed hole“ oder „pebble weave“, Marijke von Epen verwendet für eine ähnliche Technik den Begriff „“Stippeltjes“ eingedeutscht „Stippentechnik“

# EIN LOCH NICHT GESCHÄRT

Durch den fehlenden Kettfaden entsteht eine Vertiefung im Gewebe, die das Motiv plastisch hervortreten lässt. Es handelt sich daher eigentlich um ein Strukturgewebe. Das Motiv wird nur durch einen Musterfaden erzeugt. Die folgende Grafik zeigt zwei mögliche Strukturen in denen gearbeitet werden kann. Das weiße Feld im Einzug repräsentiert dabei den fehlenden Kettfaden.

 

Ein Beispiel aus der Praxis, an erster Stelle das Muster in der Variante 2 ausgeführt, darunter in der Variante 1:

Dazu die Rückseiten der beiden Bänder, hier werden deutlich die langen Flottierungen der Variante 1 sichtbar:

 

Dazu noch ein schönes Knotenmuster ausgeführt in Realseide in der Variante 2:

 

# ZWEI LÖCHER NICHT GESCHÄRT

Bei dieser Technik werden in einem 4-Loch Webbrettchen in zwei sich diagonal gegenüber liegenden Löchern die Fäden jeweils einer anderen Farbe eingezogen. Die zweite Farbe schaut auf einfarbigen Flächen durch die Löcher durch. Einige eisenzeitliche Bänder sind möglicherweise in dieser Technik gearbeitet. Bei dieser Struktur ist es möglich mit zwei verschiedenen Varianten des Einzuges zu arbeiten und trotzdem die idente Grundstruktur zu erhalten. Nur wenn alle Brettchen immer in die gleiche Richtung gedreht werden, wird der unterschiedliche Einzug sichtbar. Die weißen Felder im Einzug repräsentieren wieder die fehlenden Kettfäden.

schmale Leinenbändchen mit Knotenmuster Einzug Variante 1

Ein ausgelassener Einzug kann grundsätzlich auch in Kombination mit Mustern z.B. in einfacher und komplexer Schnurbindung als auch beim Diagonalstrukurmuster verwendet werden. Dabei kann dies zB. auch in Kombination mit einem andersfarbigem Schussfaden erfolgen, der bei den entstehenden Vertiefungen durch den fehlenden Kettfaden sichtbar wird und damit ein reizvolles zusätzliches gestaltendes Element in einem Band darstellen kann.

Bändchen in Schnurbindung mit ausgelassenem Einzug und andersfarbigem Schussfaden

# FLOTTIERUNGSMUSTER


Flottierungsmuster entstehen dadurch, dass entweder Brettchen in einer Musterreihe nicht gedreht oder ständig vorwärts/rückwärts gedreht werden. Dabei wird der Musterfaden nicht im Gewebe durch den Schussfaden fixiert, sondern verbleibt lose auf der Oberfläche des Gewebes quasi liegen. Es entstehen an der Oberfläche tlw. lange Spannfäden die für Musterflächen genutzt werden können. Alle 4-Lochbrettchen werden dazu ident mit vier verschiedenen Farben bezogen. Historische Bänder dazu gibt es aus der Wikingerzeit.
Da einfarbige Flächen nur über Flottierungen erreicht werden, können als Grundmuster z.B. einfache Diagonalen oder Rautenflächen verwendet werden.

Flottierungsmuster mit Rautenmuster als Grundstruktur (nach einer Vorlage von Babette Oberholz – Danke!)

 


# BROSCHIEREN


Broschieren ist keine Brettchenwebtechnik sondern eine zusätzliche Möglichkeit der Oberflächengestaltung eines Gewebes. Der Einzug für das Grundgewebe (S/Z) ist wahlfrei, dieses ist üblicherweise ein einfaches einfarbiges Schnurbindungsmuster. Als Broschierschuss wurde bei den mittelalterlichen Funden Seide oder Gold- bzw. Silberlahn für die Musterung verwendet.

 

Seidenbroschur auf Baumwolle

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